Das Problem sind nicht die Endungen, sondern die Verachtung für Frauen

Fazit aus der seit 40 Jahren wiederkehrenden Diskussion um gendergerechte Sprache. Also doch die Endungen … Aber wo ansetzen im Alltag? Und wie im Journalismus?

Den Titel des Posts habe ich diesmal gestohlen. Er ist die Übersetzung eines der vielen klugen Sätze aus Giulia Blasis 2020 erschienenen Pamphlet-Buchs Rivoluzione Z. Diventare adulti migliori con il femminismo, in dem sie Wege aufzeigt von der feministischen Theorie in die feministische Praxis. Und zwar als Methode für eine gesellschaftliche Revolution, die unter dem Deckmantel „intersektionaler Feminismus“ alles auf den Kopf stellt bzw. in die Mitte bugsiert, was bisher am Rand stand oder gar lag. Mit der Vision, eine gerechtere und menschenfreundlichere Welt für ALLE zu gestalten. Weil eine Welt, die nur für einige wenige (weil weiß-männlich-heterosexuell-cisgender-unbeeinträchtigt) funktioniert, eine ist, die nicht wirklich funktioniert und vor allem nicht zukunftsfähig ist. Was sie in ihrem Innersten zusammenhält ist eine Machtkultur, die bisher für viel Leid verantwortlich war. Leid für all jene, die nicht den Attributen in der Klammer oben entsprechen, plus für die Tierwelt und sämtliche natürliche Ressourcen. Die Klimakrise, in die wir uns hineinmanövriert haben, lässt grüßen.

Dieses System gilt es aus den Angeln zu heben in all seiner Selbstherrlichkeit, Gier und letztlich Zerstörungswut. Aber wo anfangen? Und was entgegenhalten oder neu entwerfen, außer einer umweltfreundlichen Solidargesellschaft?

Ich fange bei mir an: weiß-weiblich-heterosexuell-cisgender-unbeeinträchtigt. Privilegiert, bis auf mein „Frausein“, gekoppelt am Alter vielleicht (52 ist für eine Frau in manchen Bereichen bereits jenseits der Grenze). Noch mehr privilegiert, weil eingebettet in rückendeckenden familiären Strukturen, weil akademisch gebildet, weil beruflich erfüllt, weil finanziell auf eigenen Beinen. Der Journalismus, den ich freiberuflich ausübe, ist also mein Spielraum, mein Gestaltungsprinzip, auch mein Schlachtfeld, wenn wir Kampf als Wehrmechanismus (und nicht als Keule) zulassen und uns Schlacht ohne Blutvergießen vorstellen können. Meine Art, mich gesellschaftlich einzumischen, geht also über das Wort. Und natürlich muss sie politisch sein — im urtümlichsten Sinn, nicht parteipolitisch! Politisch in der Ablehnung vom Schönreden genauso wie vom Bagatellisieren. Im Zulassen von Empörung und Wut, wo Unrecht offensichtlich ist. Aktivismus ist dabei eine natürliche Folge, wenn frau und man nicht bereits abgestumpft ist von der Trägheit des Systems. Aktivismus verstanden als Verantwortung übernehmen in dieser Welt für das eigene Handeln und zwar in allen Rollen: in meinem konkreten Fall als Mensch, als Mutter und Großmutter, als Journalistin, als Frau und damit als Feministin. Denn „Feministin zu sein, ist das Mindeste, was eine Frau tun kann“, weise Worte eines konservativen politischen Urgesteins (!) wie Rita Süssmuth in Deutschland. Schluss mit Mann/männlich als Default in der Geschichte der Menschheit. Seit Simone de Beauvoirs wegbereitender Analyse „Das andere Geschlecht“ von 1949 hat sich einiges im Familienrecht, aber sonst nicht wirkliches Bahnbrechendes getan. Und die alte Hirnwäsche zeigt immer noch Wirkung, auch unter Frauen. Jenen Frauen, die am Patriarchat mitbauen oder sich beschämt wegdrücken, wenn von feministischem Auflehnen die Rede ist (“Finché non vedi il patriarcato, il patriarcato sei tu!”, wieder Giulia Blasi, siehe oben).

Schritt Eins: Fangen wir also beim Alltäglichsten an, der Kommunikation. Wenn wir uns miteinander verständigen, benutzen wir Sprache. Und wenn wir Sprache benutzen, fällen wir eine bewusste Entscheidung: im Deutschen heißt diese, Frauen im generischen Maskulinum verschwinden zu lassen oder eben nicht. Letzteres geschieht durch Beidnennung oder Glottisschlag (Knacklaut im Wort) mündlich und durch Genderstern, Gender-Doppelpunkt oder Binnen-I schriftlich. Wie klein ist der Kraftakt zu gendern im Vergleich zu den Auswirkungen, die eine Sprache hat, deren Sprecher*innen mindestens zur Hälfte unsichtbar gemacht werden? Eine Lektion der Geschichte: Wer unsichtbar = minderwertig, d.h. genießt weniger Rechte. Soviel zur Macht von Wortendungen.

Letzter Schritt: Das Ganze hört bei der Rechtsprechung und Gerichtsbarkeit auf, wenn Urteile gefällt werden, die Machtmissbrauch ahnden oder Gewalt gegen Frauen und deren Spitze, die Femizide, streng bestrafen. Sie nämlich sind das klarste Zeichen von Frauenverachtung, Verdinglichung von Frauen als Anhängsel, Sklavin, Eigentum. Vor wenigen Wochen, im April 2021, wurde in Bozen der beinahe-Mörder und Ehemann von M. — Überlebende eines Gewaltverbrechens im Bozner Stadtteil Oberau 2019 und zwar auf offener Straße, vor Zeugen, vor ihrem minderjährigen Kind — zu 10 Jahren Gefängnisstrafe verurteilt. Und das feiern sowohl Insider als Outsider als Triumph. Nachdem die Verteidiger des Täters Berufung eingelegt haben, bleibt der Mann bis zum endgültigen Urteil (in vielleicht zwei Jahren) auf freiem Fuß. Bis dahin wird M. weiterhin in ihrem Versteck leben müssen, um sich und ihre Kinder zu schützen. Mein Rechtsempfinden ist zerrüttet.

Zwischen Schritt Eins und dem letzten Schritt sind natürlich viele, viele weitere Schritte fällig: Schritte, die eine gerechtere Vertretung in der Politik ermöglichen, Chancengleichheit im Erwerbsleben schaffen, Schule als Humanbildungs-Institution weiterentwickeln und die Medien revolutionieren. Ja, die Medien. Denn auch sie zementieren viel zu oft genderspezifische Stereotype, ermöglichen Männerbündelei statt sie zu bekämpfen, machen toxischer Männlichkeit Platz. Die Art der Berichterstattung, die Schlagzeilen, die Bildgebung, die Sprache — all diese Bausteine tragen wie auch immer dazu bei, dass sich für Frauen* entweder etwas verbessert oder nicht, dass Missstände als solche benannt oder verharmlost werden (siehe hierzulande Manifesto di Venezia 2017 und Art. 5bis des Testo unico dei doveri del giornalista, Ethikkodex der italienischen Journalist*innen-Kammer). Und weil wir bei den medialen Bausteinen sind: Journalismus verstehe ich persönlich als Schürfen und dann Zusammentragen von Steinchen, um ein möglichst vollständiges Mosaik präsentieren zu können, Orientierung zu bieten, Zusammenhänge verständlich(er) zu machen. Dazu gehört ein kritischer Blick auf den Status-Quo, Scheinwerfer auf jene, die am Rand stehen.

Genau darüber habe ich neulich mit Monica Pietrangeli gesprochen, einer Berufskollegin und RAI-Journalistin, Gewerkschafterin, Frauenaktivistin. Das Gespräch findest du ab dem 27. Mai als Folge 10/2021 „La cronaca non è mai neutrale“ in meinem Podcast.

I am a journalist. I dig for truths or up dirt. I don’t climb up career stairs; if anything, I slow down searching. My base is in Italy.

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